3.400 Kurven in vier Tagen: So sah meine Motorradtour Granada aus
Vier Tage, rund 1.200 Kilometer und ungefähr 3.400 Kurven. Was zunächst wie eine einfache Statistik klingt, wurde für mich zu einer Motorradtour durch ein Andalusien, das viel mehr zu bieten hat als Sonne, Strand und die bekannten Urlaubsorte am Mittelmeer. Wir fuhren durch einsame Bergregionen und endlose Olivenhaine, entdeckten historische Städte, erlebten Granada am Fuße der Sierra Nevada, durchquerten weiße Bergdörfer und folgten Straßen, bei denen der Blick auf die nächste Bergflanke manchmal schon genügte, um zu wissen: Genau deshalb fahre ich Motorrad.

Wenn ich heute an diese vier Tage zurückdenke, sind es deshalb auch nicht zuerst die 3.400 Kurven, die mir in den Sinn kommen. Es sind vielmehr einzelne Bilder und Situationen: das Mittelmeer am frühen Morgen, die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada in der Ferne, das scheinbar endlose Meer aus Olivenbäumen rund um Jaén oder eines dieser kleinen weißen Dörfer, das plötzlich irgendwo am gegenüberliegenden Berghang auftaucht. Dazu kommen die Abende, an denen die Motorräder längst in der Garage standen und wir bei gutem spanischem Essen zusammensaßen und erst langsam begriffen, was wir an diesem Tag eigentlich alles erlebt hatten.
Genau das macht für mich eine gute Motorradreise aus. Natürlich müssen die Straßen stimmen, und davon hatten wir auf dieser Tour wahrlich genug. Aber eine Reise bleibt nicht wegen einer bestimmten Anzahl von Kurven in Erinnerung. Sie bleibt in Erinnerung, wenn die Landschaft, die Menschen, die Geschichte einer Region und das Motorradfahren irgendwann zu einem gemeinsamen Erlebnis werden.
Und davon hatten wir in diesen vier Tagen reichlich.
Tag 1: Vom Mittelmeer ins unbekannte Andalusien
Unser Ausgangspunkt war Águilas an der spanischen Mittelmeerküste. Unser Hotel lag direkt am Yachthafen, und schon am Morgen sorgten das Wasser, die Palmen und das besondere Licht für eine Atmosphäre, die mit dem deutschen Alltag nicht mehr viel gemeinsam hatte. Die Motorräder hatten wir zuvor per Spedition nach Spanien bringen lassen, sodass sie bereits auf uns warteten.
Bevor es jedoch losgehen konnte, stand die erste kleine Herausforderung der Reise an. Vier Tage unterwegs zu sein, bedeutet zwangsläufig, sich zu beschränken. Also wurde gepackt, umgepackt und noch einmal überlegt, was wirklich mitmusste. Irgendwann war schließlich alles verstaut und verzurrt. Nach einem ausgiebigen Frühstück konnten wir endlich die Motoren starten.
Wir ließen Águilas und damit zunächst auch das Mittelmeer hinter uns. Schon auf den ersten Kilometern zeigte sich etwas, das mich während der gesamten Reise immer wieder faszinieren sollte. Wie schnell sich in Andalusien Landschaften verändern können! An der Küste dominieren noch das Meer und die mediterrane Vegetation, doch je weiter man ins Landesinnere fährt, desto trockener, weiter und einsamer wird die Umgebung.
Gerade auf dem Motorrad erlebt man diesen Übergang besonders intensiv. Man wird nicht einfach von einem Ort zum nächsten transportiert, sondern fährt mitten durch die Veränderung hindurch. Die Küste verschwindet allmählich im Rückspiegel, die Berge rücken näher, die Ortschaften werden kleiner und die Straßen fügen sich zunehmend in die Landschaft ein.
Unsere Route führte uns in Richtung Cortes de Baza. Hier hatte das Andalusien, das wir von der Küste kannten, bereits einem völlig anderen Spanien Platz gemacht. Weite Hochflächen, trockene Berghänge, Schluchten und immer wieder kleine Orte prägten die Landschaft. Der Verkehr wurde weniger und die Straßen interessanter.
Spätestens jetzt hatten wir unseren Rhythmus gefunden. Die Kurven folgten einander mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass wir irgendwann aufhörten, über die gefahrenen Kilometer nachzudenken. Die Straße wurde zum eigentlichen roten Faden des Tages. Mal war sie weit und flüssig, dann wieder enger. Mal ging es bergauf, dann wieder hinunter in ein Tal.

Über die Gegend von Pozo Alcón näherten wir uns schließlich der eindrucksvollen Bergwelt im Osten der Provinz Jaén. Hier liegt mit dem Naturpark Sierras de Cazorla, Segura y Las Villas eine der größten Naturlandschaften Andalusiens. Schon auf unserer Route konnten wir spüren, wie sich die zuvor eher karge Landschaft zunehmend veränderte. Die Berge wurden markanter, die Vegetation dichter und die Straße schmiegte sich immer stärker an die Konturen der Landschaft.
Für Motorradfahrer ist das eine wunderbare Kombination. Man schaut weit voraus, sieht die Straße am gegenüberliegenden Hang wieder auftauchen und weiß, dass zwischen dem eigenen Standort und diesem Punkt noch einige Kurven liegen müssen. Dabei geht es gar nicht darum, möglichst schnell durch diese Landschaft zu fahren. Im Gegenteil: Irgendwann stellt sich dieser besondere Rhythmus ein, bei dem Motorrad, Straße und Blickführung fast selbstverständlich zusammenspielen, während man gleichzeitig versucht, möglichst viel von seiner Umgebung aufzunehmen.
Später zeigten unsere Aufzeichnungen, welche Strecke wir an diesem ersten Tag tatsächlich gefahren waren. Allein ein knapp 170 Kilometer langer Abschnitt brachte es auf 675 Kurven, ein weiterer auf 546. Somit hatten wir bereits am ersten Tag mehr als 1.200 Kurven hinter uns.
Während der Fahrt hatte es sich allerdings überhaupt nicht so angefühlt. Wenn man mittendrin ist, zählt man keine Kurven. Man fährt sie einfach, genießt seinen Rhythmus und freut sich darüber, dass hinter der nächsten Biegung schon wieder eine neue Perspektive wartet.
Am Ende dieses langen Motorradtages erwartete uns dann noch ein Kontrast, der kaum größer hätte sein können.
Baeza – wenn aus einer Motorradtour plötzlich eine Reise durch die Geschichte wird
Unser Tagesziel war Baeza. Nachdem wir die Motorräder sicher in der Garage abgestellt und das Gepäck im Hotel verstaut hatten, machten wir uns zu Fuß auf den Weg durch die Stadt.
Und plötzlich befanden wir uns in einer völlig ander
Die Stadt Baeza gehört gemeinsam mit der nahe gelegenen Stadt Úbeda zum UNESCO-Welterbe und ist vor allem für ihre außergewöhnliche Renaissance-Architektur bekannt. Während der wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit im 16. Jahrhundert entstanden hier zahlreiche Gebäude, Plätze und Fassaden, die bis heute das historische Stadtbild prägen.

Genau solche Momente liebe ich bei Motorradreisen. Wenige Stunden zuvor waren wir noch durch einsame Berglandschaften gefahren, hatten Kurve um Kurve hinter uns gebracht und uns dabei fast ausschließlich mit Straße, Motorrad und Landschaft beschäftigt. Nun liefen wir durch jahrhundertealte Gassen und standen vor Bauwerken, die von einer anderen Epoche erzählten.
Als wir am Abend zusammensaßen, steckten uns die vielen Kilometer durchaus in den Knochen. Es war jedoch diese angenehme Müdigkeit, die man nach einem langen Tag auf dem Motorrad kennt. Körperlich spürt man, was man getan hat, während der Kopf noch voller Eindrücke ist. Beim Essen ließen wir den Tag noch einmal Revue passieren und stellten dabei fest, dass wir nach nur einem einzigen Fahrtag bereits das Gefühl hatten, viel länger unterwegs zu sein.
Dabei hatte unsere Reise gerade erst begonnen.
Tag 2: Ein Meer aus Olivenbäumen und eine Burg hoch über Jaén
Am nächsten Morgen begann ein kleines Ritual, das uns während dieser Reise begleiten sollte. Nach dem Frühstück wurde das Gepäck wieder auf den Motorrädern befestigt, alles kontrolliert und anschließend die Maschine aus der Garage geholt. Dann ging es wieder hinaus auf die Straße.
Schon kurz hinter Baeza wurde deutlich, was diese Region prägt. Zunächst sieht man einzelne Olivenhaine. Dann werden es immer mehr, bis man schließlich an einen Punkt gelangt, an dem man ihre Dimensionen kaum noch erfassen kann.

Olivenbäume ziehen sich in geometrischen Reihen über die Hügel, verschwinden in den Tälern und tauchen auf der nächsten Anhöhe wieder auf. Je höher die Straße führte, desto beeindruckender wurde dieses Bild. Von oben betrachtet wirkt die Landschaft wie ein riesiges, silbrig-grünes Meer.
Mittendrin liegt Jaén, eine Stadt, die wie keine andere mit dem Olivenanbau verbunden ist. Über der Stadt erhebt sich der Cerro de Santa Catalina, auf dessen Gipfel die Burg Castillo de Santa Catalina thront.
Natürlich mussten wir hinauf.
Die Auffahrt war bereits ein Erlebnis, doch der eigentliche Wow-Moment kam erst oben. Vor uns lag Jaén, und dahinter erstreckte sich ein unglaubliches Meer aus Olivenbäumen bis zum Horizont. Erst von hier oben bekommt man eine Vorstellung von den tatsächlichen Dimensionen des Olivenanbaus in dieser Region.
In der Nähe der Burg steht außerdem das große Kreuz Cruz del Castillo. Mit diesem Ort ist eine Legende verbunden, die bis in die Zeit der christlichen Eroberung Jaéns im 13. Jahrhundert zurückreicht. Der Überlieferung nach soll einer der Männer König Ferdinands III. nach der Einnahme der Stadt sein Schwert in den Felsen gestoßen haben. Dabei entstand zusammen mit der Parierstange die Form eines Kreuzes. Ob sich die Geschichte vor fast 800 Jahren tatsächlich genauso abgespielt hat, lässt sich heute natürlich kaum beantworten. Aber gerade solche Geschichten geben einem Ort eine zusätzliche Dimension.
Ein geschichtsträchtiger Ort: Jeán Der Blick auf Jeán vom Burgberg
Wir standen dort oben, blickten auf Jaén und weit über die Olivenhaine hinaus und nahmen uns bewusst Zeit. Genau deshalb möchte ich auf einer solchen Reise nicht einfach nur Kilometer sammeln. Wenn man an einem Ort wie diesem vorbeifährt, ohne anzuhalten, hat man vielleicht zwanzig Minuten gewonnen, aber möglicherweise eine Erinnerung verloren.
Irgendwann mussten wir trotzdem weiter, denn unser nächstes Ziel war einer der Höhepunkte der gesamten Reise: Granada. Granada.
Granada liegt am Fuße der Sierra Nevada und mitten in der Geschichte Andalusiens.
Auf dem Weg dorthin veränderte sich die Kulisse erneut. Immer häufiger tauchten die Berge der Sierra Nevada am Horizont auf. Besonders beeindruckend war der Kontrast zwischen den angenehmen Temperaturen im spanischen Frühling, die wir auf den Motorrädern erlebten, und den teilweise noch schneebedeckten Gipfeln in der Ferne.
Granada selbst wollten wir bewusst nicht erst spät am Abend erreichen. Wir hatten unser Hotel direkt in der Stadt gewählt, brachten die Motorräder in die Garage, tauschten die Motorradstiefel gegen bequemere Schuhe und machten uns zu Fuß auf den Weg.
Allerdings wurde uns sehr schnell klar, dass ein Nachmittag und ein Abend dieser Stadt eigentlich nicht gerecht werden können.
Granada ist einer jener Orte, an denen die Geschichte Andalusiens bis heute unmittelbar spürbar ist. Über Jahrhunderte war die Stadt eines der wichtigsten Zentren des muslimisch geprägten Al-Andalus. Unter der Nasriden-Dynastie entwickelte sich Granada zu einem bedeutenden kulturellen und politischen Zentrum, bevor die Stadt im Jahr 1492 an die Katholischen Könige übergeben wurde. Mit diesem Ereignis endete die muslimische Herrschaft auf der iberischen Halbinsel
Über all dem thront die Alhambra.
Die auf dem Sabikah-Hügel gelegene Palast- und Festungsanlage gehört zusammen mit dem Generalife und dem historischen Viertel Albaicín zum UNESCO-Welterbe. Allein ihre Lage über Granada macht deutlich, warum sie das Wahrzeichen der Stadt ist.
Natürlich hätten wir sie gern ausführlich besichtigt. Doch genau da zeigte unsere Reiseplanung ihre Grenzen. Wir hatten schlicht zu wenig Zeit.
Und vielleicht war das sogar ganz gut so.
So verließen wir die Stadt mit dem Gefühl, nicht alles gesehen zu haben, statt sie von unserer Liste abzuhaken. Die Alhambra, der Generalife, der Albaicín und viele weitere kleine Gassen und Plätze warten also weiterhin auf uns.
Granada ist für mich deshalb noch nicht erledigt. Granada ist ein Grund, wiederzukommen.

An diesem Abend genossen wir einfach die Atmosphäre der Stadt, suchten uns ein gutes Restaurant und ließen den Tag bei einem Bier ausklingen. Wenn man bedenkt, dass wir am Morgen noch in Baeza gestartet waren, anschließend über dem riesigen Olivenmeer von Jaén gestanden hatten und nun in Granada saßen, wurde uns die unglaubliche Abwechslung dieser Reise bewusst.
Und am nächsten Morgen wartete schon wieder ein völlig anderes Andalusien auf uns.
Tag 3: Von Granada aus ging es durch die Berge zurück zum Mittelmeer.
Am dritten Morgen verließen wir Granada und damit vorerst auch Andalusien. Anstatt den direkten Weg zur Küste zu nehmen, führte unsere Route erneut in die Berge.
Genau diese Entscheidung machte den dritten Tag zu etwas Besonderem.
Über kleinere Straßen ging es zunächst zum Embalse de los Bermejales. Der Stausee liegt eingebettet in eine weite Berglandschaft und bot nach den historischen Städten des Vortags einen vollkommen anderen Eindruck. Das Wasser, die Berge und die Ruhe der Umgebung sorgten dafür, dass wir endgültig im Reisemodus ankamen.
Je weiter wir nach Süden fuhren, desto enger wurde die Verbindung zwischen Straße und Landschaft. Die Route führte uns nach Otívar und damit hinein in die Bergwelt oberhalb der Costa Tropical.
Otívar gehört zu den andalusischen Orten, die schon aus der Entfernung faszinieren. Die weißen Häuser liegen im Tal des Río Verde zwischen den Bergen und bilden einen starken Kontrast zu den grünen und felsigen Hängen ringsum. Genau hier tauchte zum ersten Mal auf dieser Reise jenes Bild auf, das viele mit Andalusien verbinden: kleine weiße Dörfer, eingebettet in eine gewaltige Berglandschaft.
Für uns Motorradfahrer wurde die Strecke immer interessanter. Sie schlängelte sich durch das Gelände, folgte den Berghängen und eröffnete nach fast jeder Kurve eine neue Aussicht. Mal sahen wir tief hinunter in ein Tal, wenig später standen Felsen direkt neben der Straße, bevor sich die Landschaft plötzlich wieder weit vor uns öffnete.
Auf gerade einmal 67,5 Kilometern brachte es ein Abschnitt unserer Route auf 348 Kurven. Auf den folgenden 39 Kilometern kamen noch einmal 201 hinzu.
Doch auch hier sagt die Zahl nur die halbe Wahrheit. Der eigentliche Reiz dieser Strecke bestand für mich darin, dass man nie genau wusste, was sich hinter der nächsten Bergflanke verbarg.
Und dann kam dieser eine Moment.
Nach Stunden in der Bergwelt öffnete sich plötzlich der Blick. Weit unter uns erschien zwischen den Bergen eine tiefblaue Fläche.
Das Mittelmeer.
Wir waren wieder an der Küste angekommen, obwohl wir uns noch hunderte Höhenmeter über ihr befanden. Vor uns lag die Costa Tropical, irgendwo dort unten wartete unser Hotel auf uns.
Die anschließende Abfahrt Richtung Küste war einer dieser Abschnitte, bei denen man gleichzeitig fahren und anhalten möchte. Mit jeder Kurve verloren wir an Höhe, das Meer wurde größer und die Vegetation mediterraner. Die Bergluft wich langsam der Wärme der Küste, bis wir schließlich unten ankamen.
Unser kleines Hotel lag direkt am Strand. Nachdem wir die Motorräder abgestellt und unsere Sachen verstaut hatten, brauchten wir an diesem Abend kein großes Programm mehr. Wir gingen ans Meer und aßen zum Abendessen frischen Fisch. In aller Ruhe ließen wir den Tag ausklingen.

Hinter uns lagen Granada, die Berge, kleine weiße Orte und mehrere hundert Kurven. Vor uns rauschte das Mittelmeer. Viel besser konnte ein Motorradtag nicht enden.
Tag 4: Hoch hinaus in die Alpujarr
Der vierte und letzte Fahrtag hätte einfach werden können. Wir hätten von der Küste aus eine möglichst direkte Route zurück nach Águilas wählen können.
Aber dafür waren wir nicht nach Andalusien gekommen. Stattdessen wollten wir noch einmal hinauf in die Berge. Rückblickend war das eine der besten Entscheidungen der gesamten Tour.
Von der Küste aus gewannen wir langsam wieder an Höhe und gelangten über die Gegend von Órgiva in die Alpujarras. Diese Landschaft an den südlichen Hängen der Sierra Nevada besitzt einen ganz eigenen Charakter. Tiefe Täler schneiden sich zwischen die Berge, Straßen folgen endlos den Konturen der Hänge und dazwischen tauchen immer wieder jene Dörfer auf, die zu den charakteristischsten Bildern Andalusiens gehören.
Die weißen Häuser liegen dicht an dicht am Berghang und wirken aus der Ferne teilweise so, als wären sie an die Felsen geklebt worden. Rundherum erheben sich gewaltige Berge, und weit unten liegen die Täler, durch die wir wenige Kilometer zuvor gefahren waren.

Gerade auf diesem Abschnitt wurde mir wieder bewusst, warum ich Motorradreisen so liebe.
Natürlich nimmt man eine solche Straße auch im Auto wahr. Auf dem Motorrad ist man jedoch viel unmittelbarer Teil der Landschaft. Man spürt die Temperaturunterschiede, riecht die Vegetation und erlebt jede Höhenveränderung direkt mit. Vor allem aber ist der Blick nicht durch ein Dach oder eine Windschutzscheibe begrenzt. Die Landschaft ist nicht vor einem, sondern um einen herum.
Unsere Straße führte immer weiter hinauf. Teilweise bewegten wir uns in Höhenlagen von deutlich über 1.500 Metern, während die Gipfel der Sierra Nevada noch weit über uns aufragten. Gleichzeitig wurde der Verkehr immer weniger. Es gab Abschnitte, auf denen wir stundenlang niemandem begegneten.
Man fährt dort oben durch eine Landschaft, die mit den touristischen Bildern der spanischen Mittelmeerküste nur noch wenig gemeinsam hat. Die Straße folgte einer Bergflanke, verschwand hinter einem Vorsprung und tauchte weit entfernt auf der anderen Seite des Tals wieder auf. Man sieht sie und fragt sich unwillkürlich, ob man tatsächlich gleich dort drüben fahren wird.
Und tatsächlich: Einige Minuten später befindet man sich genau an dieser Stelle und schaut zurück auf die Straße, auf der man gekommen ist.

Für mich war das einer der großen Wow-Momente dieser Reise.
Es war nicht eine einzelne Sehenswürdigkeit oder ein bestimmtes Bauwerk, sondern die gesamte Hochstraße durch die andalusische Bergwelt.
Unsere Aufzeichnung lieferte später eine Zahl, die selbst mich überrascht hat. Auf einem Abschnitt von nur 93,7 Kilometern gab es 651 Kurven.
Das sind Zahlen, die sich Motorradfahrer natürlich gern erzählen. Trotzdem würde ich diese Strecke niemals auf ihre Kurven reduzieren. Was sie außergewöhnlich machte, war die Kombination aus Höhe, Einsamkeit, Weite, den kleinen weißen Bergdörfern und einer scheinbar endlosen Straße.
Hier oben ging es für mich nicht darum, schnell zu fahren. Viel schöner war es, einen sauberen Rhythmus zu finden, die Ideallinie zu erkennen und das Motorrad von Kurve zu Kurve laufen zu lassen. Gleichzeitig musste man sich beinahe zwingen, den Blick immer wieder bewusst von der Straße weg in die Landschaft schweifen zu lassen.
Denn irgendwann ist man dort wieder weg. Und dann bleiben nur die Bilder im Kopf.
Unsere Route führte uns schließlich weiter nach Laujar de Andarax in der Alpujarra Almeriense. Und wieder begann Andalusien innerhalb vergleichsweise weniger Kilometer sein Gesicht zu verändern.
Die hohen Berge lagen zunehmend hinter uns. Die Landschaft wurde trockener, die Farben wechselten von Grün zu Braun-, Ocker- und Rottönen und die Vegetation wurde spärlicher. So entwickelte sich aus der alpinen Bergwelt langsam jene fast wüstenartige Landschaft, für die Teile der Provinz Almería bekannt sind.

Genau dieser Wandel faszinierte mich erneut. Noch am Vormittag waren wir auf einer einsamen Hochstraße zwischen weißen Bergdörfern unterwegs gewesen und wenige Stunden später fuhren wir durch eine trockene, beinahe karg wirkende Landschaft.
Auf unserem weiteren Weg kamen wir auch durch die Gegend des Circuito de Almería. Für jemanden, der wie ich seit vielen Jahren auf Rennstrecken unterwegs ist, hat der Name natürlich eine besondere Wirkung. Doch diesmal ging es nicht um Rundenzeiten, Bremspunkte oder Ideallinien. Diesmal war die gesamte Region unsere Strecke.
Von hier aus führte uns die Reise schließlich wieder zurück in Richtung Águilas.
Zurück am Mittelmeer und doch noch nicht am Ende.
Die letzten Kilometer einer Motorradtour fühlen sich für mich immer ein wenig eigenartig an. Einerseits merkt man nach mehreren langen Fahrtagen, dass der Körper froh ist, wenn das Ziel näherkommt. Andererseits möchte man in diesem Moment häufig noch gar nicht, dass die Reise endet.
Als schließlich Águilas wieder vor uns lag, schloss sich der Kreis.
Das Mittelmeer, der Hafen und unser Hotel waren wieder da. Genau an diesem Ort hatten wir vier Tage zuvor unsere Motorräder beladen und waren losgefahren, ohne zu wissen, welche Eindrücke uns am Ende begleiten würden.

Nun stellten wir die Motorräder wieder ab.
Hinter uns lagen rund 1.200 Kilometer und etwa 3.400 Kurven. Wir waren durch die trockene Landschaft im Hinterland von Águilas gefahren, hatten die Bergregionen rund um Baza und Pozo Alcón erlebt und waren durch die Renaissancestadt Baeza gelaufen. Wir hatten vom Castillo de Santa Catalina auf Jaén und ein scheinbar unendliches Meer aus Olivenbäumen geblickt. Wir hatten Granada am Fuße der Sierra Nevada erlebt, waren über einsame Bergstraßen zurück zum Mittelmeer gefahren und hatten schließlich die Hochstraßen und weißen Dörfer der Alpujarras durchquert.
Wenn ich diese Reise heute Revue passieren lasse, sind die Zahlen deshalb nur noch der Rahmen.
Natürlich klingen 3.400 Kurven beeindruckend. Solche Straßen sind einer der Gründe, weshalb ich seit so vielen Jahren leidenschaftlich Motorrad fahre. Wenn ich aber ehrlich bin, bleiben mir andere Dinge noch stärker in Erinnerung.
Es ist der Moment am Morgen, wenn man aus dem Hotel kommt und das Motorrad bereits auf den nächsten Tag wartet. Es ist eine Straße, die irgendwo hinter einem Berg verschwindet und bei der man nicht weiß, was dahinter kommt. Es ist das riesige Kreuz oberhalb von Jaén und die damit verbundene Geschichte. Es ist die schneebedeckte Sierra Nevada am Horizont, während man selbst bei angenehmen Temperaturen auf dem Motorrad sitzt. Es ist ein kleines weißes Dorf am gegenüberliegenden Berghang oder der Moment, in dem nach stundenlanger Fahrt in den Bergen plötzlich wieder das tiefblaue Mittelmeer auftaucht.
Und manchmal ist es einfach nur ein kurzer Halt irgendwo auf einer Hochstraße. Man stellt den Motor ab, nimmt den Helm ab und hört für einen Moment überhaupt nichts.
Dann schaut man einfach. Für mich ist genau das Motorradfahren.
Nicht möglichst schnell von A nach B zu kommen, sondern unterwegs zu sein, neugierig zu bleiben und sich immer wieder von dem überraschen zu lassen, was hinter der nächsten Kurve wartet
Wir müssen wiederkommen! Motorradtour Granada.
Vielleicht ist das Schönste an diesen vier Tagen sogar die Erkenntnis, dass unsere Reise noch nicht abgeschlossen ist.
Allein Granada hätte mehrere Tage verdient. Wir haben die Alhambra noch nicht wirklich erlebt, der Generalife wartet ebenso auf uns und durch die Gassen des Albaicín würde ich gern noch einmal mit deutlich mehr Zeit laufen. Gleichzeitig haben wir unterwegs immer wieder Straßen gesehen, die in den Bergen verschwanden, und uns gefragt, wohin sie wohl führen.
Vier Tage Motorradtour Granada haben ausgereicht, um uns zu zeigen, wie unglaublich vielfältig diese Region ist.
Aber sie haben längst nicht gereicht, um sie wirklich kennenzulernen.
Und deshalb steht für mich nach diesen rund 1.200 Kilometern und 3.400 Kurven eines fest: Wir müssen wiederkommen.
Irgendwann möchte ich wieder in Águilas am Mittelmeer stehen, mein Gepäck auf dem Motorrad befestigen, meinen Helm aufsetzen und den Motor starten. Nicht, um dieselbe Reise noch einmal zu fahren, sondern um dort weiterzumachen, wo sie aufgehört hat.
Denn vermutlich wartet irgendwo hinter der nächsten andalusischen Bergkette schon wieder eine Straße, von der wir heute noch gar nichts wissen.
Und genau das ist doch das Schöne am Reisen mit dem Motorrad.
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