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FOKUS in der Führung

25. Sept.
5 Min. Lesezeit

Was Langstrecken-Weltmeisterschaft, Führung, Fokus und die Transformation in Südwestsachsen miteinander verbindet


Zwei Tage Sachsenring liegen hinter uns. Zwei Tage, in denen wir mit Menschen aus Unternehmen über Führung, Veränderung, Verantwortung und Zukunft gesprochen haben und über eine Fähigkeit, die in Zeiten von Transformation entscheidender kaum sein könnte:


Fokus.


Auf Einladung der IHK Chemnitz waren Max Neukirchner und ich im Rahmen von ITAS und ReUnion mit unserem Workshop „Die Skills der Langstrecken-Sieger“ auf dem Sachsenring dabei. Für uns war das gleichzeitig die konsequente Fortsetzung einer Geschichte, die bereits im Herbst 2024 begonnen hatte: mit unserem Auftritt im Kammersaal der IHK Chemnitz.


ChangeDay der IHK Chemnitz, ReUnion und ITAS auf dem Sachsenring mit unserem Workshop Langstrecke
Erik Klose und Max Neukirchner sind voll motiviert für ihren Workshop: Langstrecke

Vom Kammersaal auf den Sachsenring

Damals standen wir erstmals in diesem Kontext gemeinsam als Speaker vor Unternehmern und Führungskräften. Die Grundidee war schon da: Was können wir aus der Welt des Hochleistungssports für Unternehmen lernen nicht als einfache Motorsport-Metapher, sondern als echter Erfahrungstransfer?


Max bringt die Realität der Langstrecken-Weltmeisterschaft mit: Fahrer, Mechaniker, Ingenieure, Reifen, Daten, Strategie, Wetter, Konkurrenz, Boxenstopps und Entscheidungen unter hohem Zeitdruck. Ich bringe meine Erfahrung aus 35 Jahren Führung in mittelständischen Unternehmen und Konzernstrukturen mit. Auf dem Sachsenring haben wir diese beiden Perspektiven bewusst miteinander verbunden.


Nicht die Motorsportgeschichte allein ist entscheidend. Entscheidend ist die Frage: Was davon hilft uns, unsere eigene Situation im Unternehmen besser zu verstehen?


Unser Workshop folgte deshalb einem klaren Rhythmus: Story – Transfer – Reflexion. Max erzählte aus der Realität eines Weltmeisterteams. Ich stellte Situationen aus meiner Führungspraxis daneben. Und die Teilnehmer übertrugen die Erkenntnisse auf ihre eigene unternehmerische Realität.


Fokus: Was ist jetzt wirklich entscheidend?

Im Manuskript unseres Workshops ist Fokus der erste von vier Skills. Die Leitfrage lautet: Was ist jetzt entscheidend? In einem Langstreckenrennen geschieht permanent etwas. Wetter, Technik, Reifen, Verkehr, Strategie, Fahrerwechsel, Konkurrenz alles fordert Aufmerksamkeit. Die Herausforderung besteht nicht darin, alles gleichzeitig wichtig zu finden, sondern das Entscheidende zuerst zu erkennen.


Fokus heißt nicht, weniger zu sehen. Fokus heißt, das Entscheidende zuerst zu sehen.


Max: Fokus unter maximalem Druck

Max erzählte dazu die Situation aus dem Qualifying in Le Mans 2025. Es gab noch einen neuen Hinterreifen. Mehr als 60 Starter waren auf der Strecke. Die Zeit lief herunter. Dann kam die Meldung: „Rain in Corner 12.“ Die Nervosität in der Box stieg. Die Forderung war eindeutig: Marvin sofort raus.


Max wartete. Nicht, weil der Regen unwichtig war. Sondern weil für ihn eine andere Information entscheidender war: Hat Marvin eine freie Runde? Bei noch 6:30 Minuten kam das GO. Freie Runde. Neuer Rundenrekord. P1.

Genau darin liegt die Stärke von Fokus: Das lauteste Signal ist nicht automatisch das wichtigste Signal. In Unternehmen erleben wir das jeden Tag. Mails, Kennzahlen, Kundenanforderungen, operative Probleme, Veränderungsprojekte, Kostendruck und Erwartungen laufen gleichzeitig auf Führungskräfte ein. Wer alles gleich behandelt, verliert Orientierung.


Die Führungsfrage lautet nicht: Was ist gerade am lautesten? Sondern: Was ist jetzt entscheidend?


Meine Geschichte: Wenn Fokus und Führung zum Tunnelblick wird

Meine eigene Geschichte aus der Unternehmenspraxis zeigt allerdings die zweite Seite von Fokus.

Ich war viele Jahre Fertigungsleiter bei Prinovis in Dresden. Das Werk gehörte zu einem europäischen Verbund großer Druckereien. Unter anderem wurden Kataloge und Zeitschriften im Tiefdruckverfahren in großen Stückzahlen hergestellt.


Dann brannte eine unserer Hochleistungs-Tiefdruckmaschinen ab. Mit einem Schlag fehlte ein wesentlicher Teil unserer Produktionskapazität. Für das Werk war das eine kritische Situation, denn diese Kapazität wurde benötigt, um die entsprechenden Mengen zu produzieren und die wirtschaftliche Grundlage des Standortes zu sichern.

Aus einer Insolvenz ergab sich die Möglichkeit, zwei leistungsfähige Offsetmaschinen zu übernehmen. Damit entstand eine außergewöhnliche Chance und gleichzeitig eine enorme Aufgabe: Wir mussten praktisch auf der grünen Wiese eine neue Druckerei aufbauen. Dafür hatten wir rund neun Monate.


Maschinen, technische Infrastruktur, Materialfluss, Prozesse, Organisation, Personal alles musste parallel entstehen. Mein Fokus war glasklar: Die neue Produktion muss so schnell wie möglich funktionieren. Die Maschinen müssen laufen, die Prozesse müssen stimmen und die verlorene Kapazität muss wieder zur Verfügung stehen.


Rückblickend war genau dieser starke Fokus gleichzeitig mein Fehler.


Denn während wir die neue Druckerei aufbauten, existierte die Bestandsproduktion natürlich weiter. Dort liefen Aufträge. Dort standen weitere Maschinen. Und dort arbeiteten Menschen, die weiterhin Führung, Entscheidungen und Aufmerksamkeit benötigten.


Einige Monate funktionierte das gut, weil jeder wusste, warum dieses neue Projekt für das Unternehmen so wichtig war. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem spürbar wurde: Mein Fokus auf das Neue führte dazu, dass ich für die bestehende Mannschaft und die vorhandenen Prozesse nicht mehr in dem Umfang zur Verfügung stand, wie es notwendig gewesen wäre.


Fokus kann Orientierung schaffen. Aber Fokus kann auch zum Tunnelblick werden.


Das war eine meiner wichtigsten Führungslektionen: Wer einen Schwerpunkt setzt, muss gleichzeitig organisieren, was mit all dem geschieht, das außerhalb dieses Schwerpunktes liegt.


Fokus bedeutet auch Verantwortung und Führung für das, was daneben weiterläuft


Heute würde ich die damalige Situation deshalb anders betrachten. Nicht die Entscheidung für einen klaren Fokus war falsch. Ohne diesen Fokus hätten wir die neue Produktion in der kurzen Zeit kaum realisieren können.

Die entscheidende Frage hätte zusätzlich lauten müssen: Was bedeutet mein neuer Fokus für das bestehende System? Wer übernimmt dort Verantwortung? Welche Führungsaufgaben müssen neu verteilt werden? Welche Kapazitäten brauchen die Teams? Welche Kommunikation ist erforderlich, damit das Bestehende während der Veränderung stabil bleibt?


Fokus ist nicht nur die Entscheidung, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Fokus bedeutet auch Verantwortung dafür zu übernehmen, was währenddessen außerhalb meines Fokus liegt.


ChangeDay der IHK Chemnitz, ReUnion und ITAS auf dem Sachsenring mit unserem Workshop Teilnehmern zum Thema Langstrecke YART Yamaha
Das erste begeisterte Workshopteam mit vielen Erkenntnissen zu dem Skill FOKUS

Warum das gerade für Südwestsachsen relevant ist

Und genau hier bekam unser Workshop auf dem Sachsenring für mich eine besondere Aktualität. Viele Unternehmen in Südwestsachsen stehen mitten in tiefgreifenden Veränderungen. Die Transformation der Automobilindustrie, veränderte Märkte, neue Technologien, neue Geschäftsmodelle und Veränderungen bei großen Arbeitgebern und Zulieferern stellen Unternehmen und ihre Mitarbeiter vor schwierige Entscheidungen.

In solchen Situationen ist Fokus unverzichtbar. Unternehmen müssen entscheiden, welche Themen wirklich Zukunft haben, welche Kompetenzen aufgebaut werden müssen und welche Veränderungen nicht länger aufgeschoben werden können.


Aber Transformation darf nicht bedeuten, dass die ganze Organisation nur noch auf das Neue schaut. Während neue Geschäftsmodelle entstehen, müssen Kunden weiter bedient werden. Während neue Technologien aufgebaut werden, müssen bestehende Produkte funktionieren. Während Strukturen verändert werden, brauchen Menschen Orientierung.


Deshalb haben wir die Teilnehmer nicht mit fertigen Antworten aus dem Workshop geschickt. Wir haben Fragen gestellt: Was ist bei uns gerade sehr laut aber möglicherweise gar nicht das wichtigste Thema? Worauf müssen wir jetzt unseren Fokus richten? Und was müssen wir gleichzeitig organisieren, damit der Rest unseres Systems weiterhin funktioniert?


Max Neukirchner und Erik Klose auf dem Weg zu den ChangeDay der IHK Chemnitz, ReUnion und ITAS auf dem Sachsenring
Der Sachsenring bietete für uns den richtigen Rahmen, um den FOKUS aus der Langstrecke und dem Business zu haben.

Vom Impuls zum eigenen nächsten Schritt

Genau das war bereits die Idee unseres Auftritts im Kammersaal der IHK Chemnitz im Herbst 2024: Erfahrungen aus unterschiedlichen Welten so zusammenzubringen, dass daraus neue Perspektiven für Unternehmen entstehen.

Auf dem Sachsenring ist daraus für uns ein Format geworden, das wir weiterentwickeln möchten. Nicht, weil Motorsport und Unternehmen dasselbe wären. Sondern weil beide Welten Situationen kennen, in denen Menschen unter Druck Orientierung brauchen, Verantwortung übernehmen und trotz Unsicherheit handlungsfähig bleiben müssen.


Dafür möchten wir uns bei der IHK Chemnitz sowie den Verantwortlichen von ITAS und ReUnion für die Einladung, das Vertrauen und die Möglichkeit bedanken, diesen Weg gemeinsam weiterzugehen.

Für Max und mich waren diese beiden Tage deshalb mehr als ein Workshop. Sie waren die Bestätigung, dass aus der Verbindung von Hochleistungssport und Führung ein sehr konkreter Mehrwert entstehen kann und dann, wenn aus Geschichten Reflexion und aus Reflexion Handlung wird.


Die Frage nach zwei Tagen Sachsenring lautet deshalb nicht: Was haben wir gehört? Sondern: Worauf richten wir ab morgen unseren Fokus?


Vier Fragen zum Mitnehmen

  • Was ist in meinem Unternehmen momentan sehr laut aber vielleicht gar nicht das entscheidende Thema?

  • Worauf müssen wir unseren Fokus jetzt tatsächlich richten?

  • Was gerät dadurch möglicherweise aus unserem Blick?

  • Was müssen wir organisatorisch verändern, damit auch das weiterhin zuverlässig funktioniert?

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